Seniorenyoga? Für viele Menschen klingt das nach Unsicherheit: Bin ich noch beweglich genug? Ist Yoga nicht zu anstrengend? Tatsächlich ist Yoga eine der wertvollsten Bewegungsformen, gerade auch für ältere Menschen. Es stärkt die Mobilität, verbessert die Atemkapazität, gibt Selbstvertrauen und hilft, den Alltag aktiver und sicherer zu meistern.

In diesem Interview spreche ich mit Silke Wagner, Yogalehrerin und Spezialistin für Yoga im Seniorenalter. Silke unterrichtet wöchentlich rund 100 ältere Teilnehmende und zeigt, worauf es beim Yoga im Alter wirklich ankommt, wie Ängste bei Teilnehmenden und Yogalehrenden abgebaut werden können und warum es nie zu spät ist, mit Yoga anzufangen.

Seniorenyoga: sanft, sicher, stärkend

Liebe Silke, wie bist du eigentlich zum Yoga – und später speziell zum Seniorenyoga – gekommen?

Nach einem Kreuzbandriss konnte ich meinen früheren Sport nicht mehr ausüben. In der Reha „stolperte“ ich in einen Yogakurs und war begeistert, dass es eine Bewegungspraxis gibt, die mir trotz Verletzung guttut. Nach meiner Ausbildung zur Yogalehrerin merkte ich, dass beim Unterrichten viele ältere Teilnehmende von Power-Yoga überfordert waren und wegblieben. Das fand ich schade. Also begann ich, Yoga für ältere Menschen anzupassen. Heute – 18 Jahre später – ist Seniorenyoga ein großer Teil meiner Arbeit und Leidenschaft.

Wie unterscheidet sich Seniorenyoga vom klassischen Yoga?

Es ist vor allem sanfter. Vinyasa spielt kaum noch eine Rolle, da schnelle Übergänge körperlich belastend sind. Wir arbeiten viel mit dem Stuhl: darauf, damit und rund um den Stuhl herum. Er ermöglicht das Abstützen, gibt Sicherheit und bietet gleichzeitig viele kreative Übungsvarianten. Es geht immer darum, die Übung so anzupassen, dass der Mensch in die Wirkung kommt, ohne Angst oder Überforderung.

Welche Hilfsmittel sind im Seniorenyoga besonders wertvoll?

Der Stuhl oder Hocker ist das wichtigste Hilfsmittel – stabil und für jeden zu Hause verfügbar. Daneben nutzen wir klassische Yoga-Utensilien wie Kissen, Blöcke oder Gurte. Besonders bewährt hat sich ein Pilates-Ball, auf dem man sitzen, sich abstützen oder ihn für sanfte Umkehrhaltungen nutzen kann. Viele ältere Menschen lieben ihn, weil er weich und angenehm ist.

Ab wann ist Yoga eigentlich „Seniorenyoga“?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Nicht jeder über 60 braucht angepasste Übungen, während manche unter 50 sie sehr wohl brauchen, z. B. nach Operationen, Unfällen oder bei chronischen Beschwerden. In meinen Kursen sind die meisten zwischen Ende 60 und Ende 80. In den 50-Plus-Kursen finden sich aber auch Schwangere oder jüngere Menschen, die sanfter üben möchten.

Welche körperlichen Einschränkungen sind im Alter besonders typisch?

Das häufigste Thema ist die eingeschränkte Beweglichkeit der Brustwirbelsäule. Das betrifft übrigens auch viele jüngere Menschen. Aber gerade Senioren merken, dass ihnen die Tiefe der Atmung fehlt. Treppensteigen zum Beispiel ist dann oft anstrengend, Pausen werden nötig. Wenn die Brustwirbelsäule beweglich wird, verbessert sich auch die Atmung: der Brustkorb öffnet sich und Rücken, Nacken und Lendenwirbelsäule werden entlastet.

Du arbeitest auch mit Spiraldynamik. Wie fließt das in deinen Unterricht ein?

Spiraldynamik ist eine Bewegungslehre, die erklärt, wie Gelenke ideal bewegt werden sollten, sodass sie langfristig gesund bleiben. Wenn man das einmal verstanden hat, ist Yoga ohne diese Berücksichtigung kaum nicht mehr möglich. Es macht die Bewegungen gesünder, effizienter und angenehmer, auch im Alter.

Viele Yogalehrende haben Respekt vor Seniorenyoga. Wie kann man diese Angst verlieren – und wie nimmst du auch deinen Teilnehmern die Angst?

Ich sage immer mit einem Augenzwinkern: „So schnell kann man Senioren nicht kaputt machen.“ Mit anatomischem Wissen und sinnvollen Anpassungen verlieren Yogalehrende schnell die Unsicherheit. Teilnehmende hingegen haben oft Angst vor dem Boden. Viele sagen: „Ich komme nicht mehr hoch.“ Deshalb üben wir genau das – kontrolliert, sicher, in kleinen Stufen. Jeder kann es wieder lernen. Und diese Fähigkeit gibt unglaubliches Selbstvertrauen.

Was verändert Yoga bei älteren Menschen auf mentaler und emotionaler Ebene?

Sehr viel. Viele Senioren sind es gewohnt, ständig zu hören, was nicht mehr geht, sei es bei Ärzten, in der Apotheke oder im Alltag. Im Yoga richten wir den Fokus bewusst darauf, was noch geht. Durch angepasste, machbare Bewegungen merken sie: „Ich kann das! Ich bin selbstständig. Ich bin stark.“ Das stärkt Selbstbewusstsein, Lebensfreude und gibt ein Gefühl von Sicherheit, besonders für Menschen, die vielleicht allein leben.

Hat sich deine eigene Sicht auf das Älterwerden durch das Unterrichten verändert?

Absolut. Ich selbst bin über 50 und merke: Ich brauche kein „höher, schneller, weiter“. Mein Körper möchte ein längeres Warm-up und sanftere Übergänge. Mit zunehmendem Alter tun lange, statische Dehnungen weniger gut. Stattdessen braucht es mehr federnde, hydratisierende Bewegungen. Aber Krafttraining bleibt wichtig, denn Kraft geht im Alter schnell verloren. Seniorenyoga ist freundlich, aber nicht lasch. Wir kommen schon ins Schwitzen.

Interview mit Silke Wagner im Yogastern Podcast hören

Falls du das komplette Interview mit Silke hören möchtest, kannst du dir diese Folge des Yogastern Podcast zum Beispiel hier auf YouTube anhören:

Erfahre mehr über Silke Wagner

Die Weiterbildung „Seniorenyoga“ von Silke Wagner in der Yogastern Akademie findest du hier: https://yogastern-akademie.de/shop/yoga-im-seniorenalter-weiterbildung/

Erfahre mehr über Silke Wagner und ihre Angebote auf ihrer Website https://1fachyoga.de/ oder verbinde dich mit ihr auf Instagram.

Weitere Impulse für deinen Yoga-Unterricht

Im Yogastern Podcast sind regelmäßig Menschen zu Gast, die uns neue Impulse rund um das Thema Yoga und Achtsamkeit schenken. Falls du dich Lust auf weitere Inspirationen hast, schau gerne mal in diese Interviews hinein:

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Alles Liebe,
Deine Stefanie

 

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