Dein Atem begleitet dich Tag und Nacht, meist ganz unbemerkt. Erst wenn wir gestresst sind, uns Sorgen machen, traurig sind oder bewusst zur Ruhe kommen wollen, fällt uns auf, wie eng unsere Atmung mit unserem inneren Erleben verbunden ist.

In diesem Blogbeitrag spreche ich mit der Ärztin und Yoga-Therapeutin Ann-Sophie Briest über die faszinierende Welt der Atmung. Gemeinsam schauen wir darauf, warum der Atem weit mehr ist als eine körperliche Funktion, wie er auf unser Nervensystem wirkt und weshalb Atemtherapie sowohl im Yoga als auch im therapeutischen Kontext eine so wichtige Rolle spielen kann.

Der Atem als Brücke zwischen Körper und Emotionen

Liebe Ann-Sophie, du beschäftigst dich seit vielen Jahren intensiv mit Atmung. Wie hat dein Weg eigentlich begonnen?

Mein erster Zugang kam über das Medizinstudium. Dort habe ich die Grundlagen der Atemphysiologie kennengelernt, zum Beispiel CO₂-Toleranz oder die verschiedenen Lungenvolumina. Später kamen Yoga und Pranayama dazu. Dabei habe ich erlebt, dass Atmung nicht nur physiologisch wirkt, sondern auch auf einer energetischen und psychoemotionalen Ebene. Heute nutze ich Atmung vor allem, um Brücken zu schlagen. Brücken in den Körper, aber auch zur emotionalen Ebene.

Dieses Bild der Brücke gefällt mir sehr. Für mich beschreibt es auch etwas Wesentliches im Yoga: die Verbindung von Körper, Geist und Seele. Über den Atem können wir vom Denken wieder mehr ins Fühlen kommen. Mich interessiert besonders der psychologische Hintergrund der Atmung. In meiner eigenen Praxis habe ich immer wieder erlebt, wie eng Emotionen und Atem miteinander verbunden sind. Gerade in Zeiten von Stress oder Trauer verändert sich auch meine Atmung. Sie wird flacher, enger. Diese Verbindung hat mich schon früh fasziniert und dazu geführt, dass ich den Atem stärker in meine Arbeit als Yogalehrerin integriere.

Genau diese Zusammenhänge erlebe ich ebenfalls sehr häufig. Atmung kann eine Brücke sein zwischen körperlichen Empfindungen und emotionalen Prozessen. Deshalb ist sie für mich so ein wertvolles Werkzeug in der Begleitung von Menschen.

Du bist Ärztin, Yoga-Therapeutin und arbeitest intensiv mit Atemtherapie. Wie unterscheidet sich der Blick auf den Atem in diesen Fachgebieten?

Es verändert sich die Perspektive: Wenn ich therapeutisch auf Atmung schaue, interessiert mich besonders die Wirkung auf das autonome Nervensystem. Welche Atemmuster wirken aktivierend? Welche unterstützen Regeneration und Entspannung? Viele Übungen kennen wir bereits aus dem Yoga. Eine verlängerte Ausatmung, sanftes Ujjayi oder bestimmte Atemrhythmen können das Nervensystem beeinflussen. Für mich ergänzen sich dabei die Weisheit der Yogatradition und moderne wissenschaftliche Erkenntnisse sehr gut.

Viele Menschen haben den Zugang zu einer natürlichen Bauchatmung verloren. Woran liegt das?

Grundsätzlich kennt unser Körper die Bauchatmung. Häufig kommen jedoch Stress, Anspannung oder Gewohnheiten dazu, die sie erschweren. Wichtig ist dabei das Zusammenspiel von Zwerchfell und Beckenboden. In einer gesunden Atmung bewegen sich beide synchron. Bei der Einatmung senkt sich das Zwerchfell, der Beckenboden folgt dieser Bewegung. Bei der Ausatmung bewegen sich beide wieder zurück. Wenn dieses Zusammenspiel nicht mehr frei möglich ist, kann die Atmung flacher oder angespannter werden.

Die tiefe Bauchatmung gehört für mich zu den Übungen, die ich täglich praktiziere. Außerdem arbeite ich sehr gerne mit Summen und Tönen – sowohl im Kinderyoga als auch im Pränatal und Postnatal Yoga. Schon einfaches Summen kann eine erstaunlich beruhigende Wirkung haben. Hast du auch eine Lieblingsübung?

Ja, tatsächlich die Wechselatmung. Mich fasziniert, wie viel in dieser Übung steckt. Aufmerksamkeit, Rhythmus und innere Ruhe kommen hier zusammen. Besonders spannend finde ich, dass schon die reine Vorstellung eines wechselnden Atemflusses ähnliche Wirkungen entfalten. Außerdem arbeite ich gerne mit Atempausen. Dabei spreche ich lieber von einem „Innehalten“ als von einem „Anhalten“. Für mich steckt darin mehr Ruhe und Offenheit.

In den letzten Jahren interessieren sich immer mehr Menschen für Breathwork und verbundene Atmung. Wie blickst du darauf?

Bei der verbundenen Atmung folgen Ein- und Ausatmung direkt aufeinander. Es entstehen keine bewussten Atempausen. Dadurch können sich Wahrnehmung und innere Prozesse verändern. Manche Menschen erleben, dass Gedankenmuster etwas leiser werden und Körperempfindungen oder emotionale Zustände stärker ins Bewusstsein treten. Deshalb kann diese Form der Atemarbeit sehr tiefgehend sein. Gleichzeitig braucht sie eine verantwortungsvolle Begleitung.

Ein sicherer Raum ist für mich sowohl im Yogaunterricht als auch in der Atemarbeit ein zentraler Aspekt. Gerade wenn Menschen mit Stress, Burnout, Ängsten oder anderen Belastungen kommen, braucht es einen Rahmen, in dem sie sich sicher fühlen.

Das sehe ich genauso. Besonders in der therapeutischen oder traumasensiblen Atemarbeit steht Sicherheit an erster Stelle. Es geht nicht darum, den Körper zu überfordern oder intensive Erfahrungen zu erzwingen. Die Intention ist vielmehr, neue innere Räume in einem Zustand von Sicherheit zu erkunden.

Ann-Sophie, gemeinsam geben wir ja eine fünftägige Atemtherapie-Weiterbildung in der Yogastern Akademie. Darin beschäftigen wir uns unter anderem mit dem Zusammenhang von Atmung und Emotionen, mit alltagstauglichen Atemübungen, Pranayama und transformierenden Atemtechniken. Erkläre doch bitte kurz, welchen Fokus du mit in diese Weiterbildung bringst.

Mir ist besonders wichtig, die Brücke zwischen traditionellem Yogawissen und modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu schlagen. Wir beschäftigen uns intensiv mit Atemphysiologie, Ruheatmung und Breathwork und verbinden theoretisches Wissen mit Selbsterfahrung und praktischer Anwendung.

Gespräch mit Ann-Sophie Briest im Yogastern Podcast hören

Falls du dir das Interview mit Ann-Sophie noch einmal in voller Länge anhören möchtest, findest du die Folge des Yogastern Podcast zum Beispiel hier auf YouTube:

Atemtherapie-Weiterbildung mit Ann-Sophie Briest und Stefanie Weyrauch

Unsere gemeinsame Atemtherapie-Weiterbildung unterrichten wir in der Yogastern Akademie in Wiesbaden. Alle  Informationen dazu findest du hier: https://yogastern-akademie.de/shop/atemtherapie-weiterbildung-50h/

Erfahre mehr über Ann-Sophie Briest und ihre Angebote auf ihrer Website www.yogamedizin-konstanz.de oder verbinde dich mit ihr auf Instagram.

Atem-Workshops im Yogastern Studio Wiesbaden

Falls dich das Thema Atem genauso begeistert wie uns und du in der Nähe von Wiesbaden wohnst, dann lohnt sich auch ein Blick in unsere Events & Workshops im Yogastern Studio Wiesbaden. Dort gibt es regelmäßig Angebote rund um Breathwork und die Kraft des Atems. In den letzten Jahren war auch immer wieder mein Mentor zu Gast: Max Strom, international bekannter Atemlehrer, Transformationscoach und Buchautor. Einen Einblick in die Arbeit von Max und den Zusammenhang zwischen Atem und Emotionen, bekommst du in diesem Podcast-Interview: „Trauer: Wie dein Atem dir hilft – Interview mit Max Strom„.

Entdecke die Kraft deines Atem

Der Atem ist immer da. Er begleitet uns durch ruhige und herausfordernde Zeiten, durch Freude, Stress, Veränderung und Neubeginn. Mit seiner besonderen Kraft verbindet er Körper und Emotionen und hilft uns, wieder in Verbindung mit uns selbst zu kommen.

Manchmal genügt schon ein bewusster Atemzug.

Herzensgrüße,
Deine Stefanie

 


Foto: ©Ann-Sophie Briest

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